Ratgeber
PDF/UA und WCAG: Wie die beiden Standards zusammenhängen
Wer barrierefreie PDFs erstellen muss, stößt auf zwei Regelwerke: PDF/UA und WCAG. Sie konkurrieren nicht miteinander, sondern ergänzen sich. Dieser Ratgeber zeigt, was jeder Standard regelt und warum Sie in der Praxis beide brauchen.
Stand:
PDF/UA: der technische Standard für das Dateiformat
PDF/UA („Universal Accessibility“) ist als ISO 14289 genormt. PDF/UA-1 (ISO 14289-1:2014) basiert auf PDF 1.7 und ist heute der verbreitete Referenzstandard; PDF/UA-2 (ISO 14289-2:2024) überträgt die Anforderungen auf PDF 2.0. PDF/UA beschreibt, wie ein PDF intern aufgebaut sein muss, damit assistive Technologien es zuverlässig verarbeiten können.
Typische PDF/UA-Anforderungen sind:
- Sämtlicher relevanter Inhalt ist getaggt, dekorative Elemente sind als Artefakt markiert.
- Die Tags werden semantisch korrekt verwendet, etwa
H1bisH6für Überschriften oderTable,TR,THundTDfür Tabellen. - Das Dokument hat einen Titel, der angezeigt wird (
DisplayDocTitle), eine Standardsprache (/Lang) und eine PDF/UA-Kennung in den XMP-Metadaten. - Alle Schriften sind eingebettet und lassen sich eindeutig auf Unicode abbilden.
- Anmerkungen wie Links sind in die Struktur eingebunden.
Die Prüfkriterien sind im Matterhorn-Protokoll der PDF Association zusammengefasst. Ein Teil davon lässt sich automatisch prüfen, etwa mit PAC oder veraPDF, der Rest erfordert eine menschliche Beurteilung.
WCAG: Richtlinien für zugängliche Inhalte
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des W3C sind technologieunabhängig formuliert. Aktuell sind WCAG 2.1 und WCAG 2.2 relevant; die meisten gesetzlichen Vorgaben verlangen Konformitätsstufe AA. WCAG beschreibt nicht das Dateiformat, sondern Erfolgskriterien für den Inhalt: Ist Text ausreichend kontrastreich? Haben Bilder eine Textalternative? Sind Links verständlich? Ist die Reihenfolge sinnvoll?
Für PDFs hat das W3C eigene Umsetzungstechniken veröffentlicht, die Techniken PDF1 bis PDF23. Sie zeigen, wie sich einzelne Erfolgskriterien in PDF umsetzen lassen, zum Beispiel Alternativtexte für Abbildungen, Tabellenüberschriften oder die Angabe der Dokumentsprache.
EN 301 549: die Brücke zwischen beiden
In der EU ist die harmonisierte Norm EN 301 549 maßgeblich. Kapitel 9 behandelt Webinhalte, Kapitel 10 sogenannte Nicht-Web-Dokumente, zu denen PDFs zählen. Kapitel 10 überträgt die WCAG-Erfolgskriterien weitgehend auf Dokumente. Wer öffentlich zugängliche PDFs anbietet, etwa nach dem Web-Zugänglichkeits-Gesetz, der BITV 2.0 oder im Rahmen des European Accessibility Act, misst sie in der Regel an diesen Kriterien.
PDF/UA wird in EN 301 549 nicht als Pflicht festgeschrieben, gilt aber in der Praxis als bewährter Weg, die WCAG-Anforderungen für PDFs technisch sauber zu erfüllen.
Vergleich auf einen Blick
| Merkmal | PDF/UA | WCAG |
|---|---|---|
| Herausgeber | ISO (Norm 14289) | W3C |
| Geltungsbereich | Nur PDF-Dateien | Web-Inhalte, über EN 301 549 auch Dokumente |
| Schwerpunkt | Technische Struktur: Tags, Metadaten, Schriften | Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit, Robustheit |
| Konformitätsstufen | Keine, Anforderungen gelten vollständig | A, AA, AAA |
| Prüfkatalog | Matterhorn-Protokoll | Erfolgskriterien und Techniken PDF1–PDF23 |
| Farbkontrast | Nicht geregelt | Kriterium 1.4.3 (mindestens 4,5:1 auf Stufe AA) |
Was WCAG verlangt, PDF/UA aber nicht
Ein PDF kann formal PDF/UA-konform sein und trotzdem WCAG-Kriterien verletzen. Beispiele:
- Kontrast (1.4.3): Hellgrauer Text auf weißem Grund ist für PDF/UA kein Fehler, für WCAG schon.
- Verwendung von Farbe (1.4.1): Informationen dürfen nicht allein über Farbe vermittelt werden, etwa in Diagrammen.
- Verständliche Linktexte (2.4.4): „Hier klicken“ ist technisch korrekt getaggt, aber ohne Kontext nicht aussagekräftig.
- Qualität von Alternativtexten (1.1.1): PDF/UA verlangt einen Alternativtext, WCAG verlangt, dass er den Zweck des Bildes tatsächlich vermittelt.
Was PDF/UA verlangt, WCAG aber nicht im Detail
Umgekehrt ist PDF/UA in technischen Fragen strenger und präziser. Es schreibt etwa vor, dass Schriften eingebettet sein müssen, dass eine PDF/UA-Kennung in den Metadaten steht, dass Inhalte entweder getaggt oder als Artefakt markiert sind und dass die Tab-Reihenfolge von Seiten mit Anmerkungen der Struktur folgt (/Tabs /S). WCAG formuliert solche Punkte allenfalls indirekt über das Kriterium 4.1.2 (Name, Rolle, Wert) oder über die Techniken.
Empfehlung für die Praxis
- Dokumente möglichst schon in der Quelle barrierefrei anlegen, etwa mit Formatvorlagen in Word oder InDesign, und getaggt exportieren.
- Das PDF technisch prüfen: mit dem PDF/UA-Check von EasyPDFUA, PAC oder veraPDF.
- Fehlende Grundlagen wie Titel, Sprache oder Basis-Tags bei Bedarf nachträglich taggen.
- Die inhaltlichen WCAG-Kriterien manuell prüfen: Kontrast, Alternativtexte, Überschriften, Linktexte und Lesereihenfolge.
Häufige Fragen
Reicht PDF/UA-Konformität für die WCAG aus?
Nicht automatisch. PDF/UA deckt die technische Struktur ab, prüft aber zum Beispiel keine Farbkontraste oder die Verständlichkeit von Linktexten. Für WCAG-Konformität sind zusätzlich inhaltliche Prüfungen nötig.
Welche WCAG-Version gilt für PDFs?
EN 301 549 in der Version 3.2.1 bezieht sich auf WCAG 2.1 Stufe AA. Viele Organisationen orientieren sich bereits an WCAG 2.2, das einige zusätzliche Kriterien enthält.
Soll ich PDF/UA-1 oder PDF/UA-2 verwenden?
PDF/UA-1 wird von Prüfwerkzeugen, Screenreadern und Erstellungsprogrammen derzeit am breitesten unterstützt. PDF/UA-2 setzt PDF 2.0 voraus und wird schrittweise von der Software übernommen.
Kann EasyPDFUA WCAG-Kriterien prüfen?
EasyPDFUA untersucht die technische PDF-Struktur, etwa Tags, Titel, Sprache, Schriften und Links. Inhaltliche WCAG-Kriterien wie Kontrast oder die Qualität von Alternativtexten müssen manuell geprüft werden.