Barrierefreie E-Books zwischen EPUB 3 und PDF/UA
Der European Accessibility Act nennt E-Books ausdrücklich, ein Dateiformat schreibt er nicht vor. Für die barrierefreie Ausgabe setzen die meisten Verlage auf EPUB 3. Bei Fach- und Lehrbüchern bleibt PDF trotzdem verbreitet, und dann muss das PDF dieselben Ziele erreichen.
Stand:
Keine Rechtsberatung. Ob und wie weit Ihr Verlag oder Ihr Vertrieb betroffen ist, sollten Sie im Einzelfall klären lassen.
Was die Richtlinie erfasst
Art. 2 Abs. 2 lit. e der Richtlinie (EU) 2019/882 nennt „E-Books und hierfür bestimmte Software“. Art. 3 definiert das als Dienstleistung: die Bereitstellung digitaler Dateien mit der elektronischen Fassung eines Buches, die sich aufrufen, navigieren, lesen und nutzen lässt, samt der Software und Apps, die genau dafür bestimmt sind. E-Book-Lesegeräte bilden eine eigene Produktkategorie. Nach Erwägungsgrund 41 können auch Verlage und andere an der Verbreitung beteiligte Wirtschaftsakteure als Dienstleister gelten.
Was ein barrierefreies E-Book leisten soll, beschreibt Anhang I Abschnitt IV lit. f, ohne Technik vorzugeben:
- synchronisierter Text und Ton, wenn ein E-Book neben Text auch Audio enthält,
- E-Book-Dateien dürfen assistive Technologien nicht am ordnungsgemäßen Funktionieren hindern,
- Zugang zum Inhalt, Navigation durch Inhalt und Layout einschließlich dynamischem Layout, Bereitstellung der Struktur sowie Flexibilität und Wahlmöglichkeiten bei der Darstellung,
- alternative Darstellungen des Inhalts und Interoperabilität mit verschiedenen assistiven Technologien,
- Auffindbarkeit über Metadaten zu den Barrierefreiheitsmerkmalen,
- Maßnahmen zur digitalen Rechteverwaltung (DRM) dürfen Barrierefreiheitsfunktionen nicht blockieren.
Zum allgemeinen Rechtsrahmen: Barrierefreiheitsgesetz und PDFs, BaFG in Österreich, BFSG in Deutschland.
EPUB für den Fließtext, PDF für das feste Layout
Für Belletristik und die meisten Sachbücher hat sich EPUB 3 mit der W3C-Empfehlung EPUB Accessibility 1.1 in der Branche durchgesetzt. EPUB beruht auf HTML und fließt um. Leserinnen und Leser wählen Schriftgröße, Abstände und Farben selbst, Screenreader und Vorlesefunktionen kommen gut damit zurecht. „Flexibilität bei der Darstellung“ und „dynamisches Layout“ verlangt die Richtlinie. Ein ordentlich gemachtes EPUB liefert beides fast von selbst, ein PDF nur mit Mühe.
Es gibt trotzdem gute Gründe für PDF. Lehrbücher mit komplexen Abbildungen, Fachpublikationen, Normen, Kunstbände und Titel, aus denen mit Seitenzahl zitiert wird, hängen am Layout. Ein sauber nach PDF/UA getaggtes PDF kann barrierefrei sein. Wer stark vergrößert oder eigene Farben braucht, stößt bei festen Seiten aber an Grenzen. Viele Verlage bieten deshalb EPUB als barrierefreie Hauptausgabe an und PDF zusätzlich.
| Merkmal | EPUB 3 mit EPUB Accessibility 1.1 | PDF mit PDF/UA |
|---|---|---|
| Layout | umfließend, an Bildschirm und Einstellungen anpassbar (Fixed Layout möglich) | feste Seiten; Umfließen nur eingeschränkt je nach Reader |
| Struktur | HTML-Semantik mit Überschriften, Listen, Tabellen und ARIA-Rollen | Tags im Strukturbaum |
| Prüfwerkzeuge | z. B. Ace by DAISY, EPUBCheck | z. B. PAC, veraPDF |
| Barrierefreiheits-Metadaten | schema.org-Eigenschaften im Paketdokument, Konformitätsangabe | keine branchenübliche Entsprechung im Dokument; Angaben vor allem über ONIX |
| Typischer Einsatz | Belletristik, Sachbuch, zunehmend Lehrbuch | Fachbuch, Lehrbuch, Normen, wissenschaftliche Publikationen |
Metadaten entscheiden über die Auffindbarkeit
Ein barrierefreies E-Book nützt wenig, wenn niemand es als solches findet. Der EAA verlangt deshalb ausdrücklich Metadaten zu den Barrierefreiheitsmerkmalen. Gepflegt werden sie an zwei Stellen.
In der EPUB-Datei fordert EPUB Accessibility 1.1 die schema.org-Eigenschaften accessMode, accessibilityFeature und accessibilityHazard; empfohlen sind accessibilitySummary und accessModeSufficient. Die Konformitätsangabe, etwa „EPUB Accessibility 1.1 - WCAG 2.2 Level AA“, steht in dcterms:conformsTo.
An Buchhandel und Plattformen gehen die Angaben über ONIX, genauer über Codeliste 196 (mit ProductFormFeatureType 09). Dort gibt es Codes für die Konformität, für einzelne Merkmale wie Inhaltsverzeichnis-Navigation oder Alternativtexte, für Gefährdungshinweise und eigene Codes für die Ausnahmen nach dem EAA.
Die Angaben müssen stimmen. Ein Titel mit dem Etikett „barrierefrei“, dessen Abbildungen keinen Alternativtext haben, richtet mehr Schaden an als eine ehrliche Angabe seiner Einschränkungen.
Die eigentliche Arbeit passiert im Satz
Über die Qualität entscheidet die redaktionelle Arbeit am Inhalt. Sie ist für EPUB und PDF dieselbe.
Lesereihenfolge und Navigation
Marginalien, Infokästen und Bildunterschriften gehören an die inhaltlich richtige Stelle, nicht dorthin, wo sie im Satzprogramm zufällig angelegt wurden. Kolumnentitel und Seitenzahlen sind im PDF Artefakte. Längere Werke brauchen ein verlinktes Inhaltsverzeichnis, PDFs zusätzlich Lesezeichen. Wird aus der Druckausgabe mit Seitenzahl zitiert, sollte das E-Book diese Seitenzahlen abbilden, in EPUB über eine Seitenliste.
Fußnoten und Formeln
Verweiszeichen und Notentext müssen verknüpft sein. PDF/UA nutzt dafür den Tag Note, PDF/UA-2 FENote; in EPUB sind es Verweise mit Rückverlinkung. Formeln als Bild bleiben für Screenreader stumm. In EPUB ist MathML der empfohlene Weg. In PDF/UA-1 braucht jede Formel einen Formula-Tag mit Alternativtext, PDF/UA-2 erlaubt zusätzlich MathML.
Abbildungen und Sprache
Informative Abbildungen brauchen Alternativtexte, komplexe Diagramme dazu eine ausführliche Beschreibung. Bei Lehrbüchern ist das redaktionelle Arbeit, die im Herstellungsplan stehen muss. Sonst fehlt sie zum Erscheinungstermin. Die Hauptsprache wird festgelegt, fremdsprachige Zitate werden eigens ausgezeichnet, damit die Sprachausgabe sie richtig ausspricht.
Welche dieser Punkte sich automatisch prüfen lassen, steht in der Checkliste für barrierefreie PDFs.
Ältere Titel und Backlist
Oft heißt es, ältere E-Books seien ohnehin ausgenommen. So pauschal gibt die Richtlinie das nicht her. Die Ausnahmen in Art. 2 Abs. 4 betreffen ausdrücklich Inhalte von Websites und mobilen Anwendungen, etwa Dateiformate von Büroanwendungen, die vor dem 28. Juni 2025 veröffentlicht wurden, oder Archivinhalte, die danach nicht mehr aktualisiert werden. Eine allgemeine Ausnahme für E-Books, die als eigene Dienstleistung verkauft werden, steht dort nicht.
Der EAA gilt für Dienstleistungen, die nach dem 28. Juni 2025 erbracht werden. Wie Backlist-Titel zu behandeln sind, die danach weiter verkauft werden, sehen Branche und nationale Behörden teils unterschiedlich. Dafür brauchen Sie eine rechtliche Einschätzung für Ihren Fall.
Wer sich auf eine unverhältnismäßige Belastung beruft, muss sie nach Art. 14 bewerten und dokumentieren, die Unterlagen fünf Jahre aufbewahren und die Bewertung bei Dienstleistungen spätestens alle fünf Jahre erneuern. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen, sind nach Art. 4 Abs. 5 ausgenommen.
Wir empfehlen, Neuerscheinungen durchgehend barrierefrei zu produzieren und die Backlist nach Bedeutung und Absatz abzuarbeiten.
EasyPDFUA und PDF-Ausgaben
EasyPDFUA arbeitet nur mit PDF, nicht mit EPUB. Die PDF/UA-Prüfung zeigt schnell, ob ein PDF-Titel überhaupt getaggt ist und ob Titel, Sprache, Schriften und Unicode-Zuordnungen stimmen; bei großen Beständen läuft diese Bestandsaufnahme auch über die API. Bei ungetaggten Backlist-PDFs ergänzt nachträgliches Tagging Basisstruktur, Titel, Sprache und Link-Tags. Überschriften, Fußnoten, Formeln, Tabellen und Alternativtexte rekonstruiert es nicht, und genau das ist bei einem Fachbuch die Hauptarbeit. Sie gehört in Satz und Herstellung. Andere Branchen finden Sie in der Übersicht der betroffenen Branchen.
Häufige Fragen
Müssen E-Books seit 2025 barrierefrei sein?
Ja, wenn sie nach dem 28. Juni 2025 als Dienstleistung für Verbraucherinnen und Verbraucher angeboten werden. Der EAA erfasst E-Books und hierfür bestimmte Software. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen, sind ausgenommen. Die Einzelheiten regeln nationale Gesetze wie BaFG und BFSG.
Ist EPUB oder PDF besser für barrierefreie E-Books?
Für die meisten Bücher EPUB 3 mit EPUB Accessibility 1.1, weil der Text umfließt und sich an die Lesenden anpasst. PDF nach PDF/UA ist bei layoutgebundenen Fach- und Lehrbüchern verbreitet und kann ebenfalls barrierefrei sein, bleibt aber unflexibler.
Welche Barrierefreiheits-Metadaten braucht ein E-Book?
Im EPUB die schema.org-Eigenschaften accessMode, accessibilityFeature und accessibilityHazard, die EPUB Accessibility 1.1 verlangt, empfohlen dazu accessibilitySummary und accessModeSufficient. An den Handel gehen die Angaben über ONIX-Codeliste 196.
Sind ältere E-Books von den Anforderungen ausgenommen?
Nicht pauschal. Die Ausnahmen in Art. 2 Abs. 4 der Richtlinie betreffen Inhalte von Websites und Apps, nicht E-Books als eigene Dienstleistung. Wie Backlist-Titel zu behandeln sind, wird unterschiedlich gesehen und sollte für Ihren Fall rechtlich geklärt werden.