Was ist PDF/UA? Die ISO-Norm für barrierefreie PDFs
PDF/UA steht für „PDF/Universal Accessibility“ und ist unter ISO 14289 genormt. Die Norm legt fest, wie ein PDF intern aufgebaut sein muss, damit Screenreader, Vergrößerungssoftware und andere assistive Technologien es zuverlässig lesen können. Mit Layout und Farben befasst sie sich kaum.
Stand:
Ein Profil, kein eigenes Format
Eine PDF/UA-Datei ist ein gewöhnliches PDF und öffnet sich in jedem Reader. Die Norm legt lediglich fest, welche Bestandteile des PDF-Formats wie verwendet werden müssen. Den Unterschied zu einem beliebigen PDF sieht man erst im Inneren: Inhalte sind semantisch ausgezeichnet, die Metadaten vollständig, und die Schriften sind so hinterlegt, dass sich jedes Zeichen eindeutig auslesen lässt.
Angesprochen sind Menschen, die PDFs erstellen, Software, die sie erzeugt (Konverter, Druckvorstufe, Dokumentensysteme), und Software, die sie verarbeitet oder vorliest, also Reader, Screenreader und Prüfwerkzeuge.
PDF/UA-1 und PDF/UA-2
ISO 14289 hat derzeit zwei Teile. PDF/UA-1 (ISO 14289-1) basiert auf PDF 1.7 (ISO 32000-1). Die erste Ausgabe erschien 2012, aktuell ist die überarbeitete Fassung von 2014. Fast alle Prüfwerkzeuge und Exportfunktionen beziehen sich bis heute auf diesen Teil.
PDF/UA-2 (ISO 14289-2:2024) überträgt die Anforderungen auf PDF 2.0 (ISO 32000-2). Damit steht der neue Strukturnamensraum zur Verfügung, mit Elementen wie Title, Aside oder FENote für Fuß- und Endnoten. Formeln lassen sich als MathML einbinden.
Ebenfalls 2024 hat die PDF Association Well-Tagged PDF (WTPDF) 1.0 veröffentlicht. Die Spezifikation kennt zwei Konformitätsstufen, eine für Barrierefreiheit und eine für die Wiederverwendung von Inhalten. Die Anforderungen der Barrierefreiheitsstufe sind laut PDF Association mit denen von PDF/UA-2 identisch, und auch WTPDF setzt PDF 2.0 voraus.
Für die meisten Dokumentenprozesse bleibt PDF/UA-1 vorerst die sichere Wahl. Erstellungsprogramme, Prüfwerkzeuge und Screenreader kommen damit am besten zurecht. Ein Umstieg auf PDF/UA-2 lohnt sich, wenn Ihre Werkzeugkette sauberes PDF 2.0 erzeugt oder Sie mathematische Inhalte strukturiert ausgeben wollen.
Woran Dokumente in der Praxis scheitern
Die Norm besteht aus vielen Detailregeln. Über Bestehen oder Durchfallen entscheiden meist die folgenden.
| Anforderung | Technische Umsetzung im PDF | Typischer Fehler |
|---|---|---|
| Getaggter Inhalt | Strukturbaum mit semantischen Tags wie H1, P, L, Table, Figure; Kennzeichnung als getaggtes PDF (MarkInfo) | Kein Strukturbaum oder nur generische Tags ohne Bedeutung |
| Artefakte | Kopf- und Fußzeilen, Seitenzahlen und Zierelemente werden als Artefakt markiert | Inhalt weder getaggt noch als Artefakt ausgewiesen |
| Dokumenttitel | Titel in den XMP-Metadaten (dc:title) und Anzeige des Titels statt des Dateinamens (DisplayDocTitle) | Fehlender Titel oder Dateiname in der Titelleiste |
| Sprache | Standardsprache im Dokumentkatalog (/Lang), abweichende Passagen mit eigenem Lang-Eintrag | Keine Sprachangabe, Screenreader liest mit falscher Aussprache |
| Schriften und Unicode | Alle Schriften eingebettet, jedes Zeichen eindeutig auf Unicode abbildbar (etwa über eine ToUnicode-CMap) | Nicht eingebettete Schriften, unlesbare Zeichen beim Vorlesen oder Kopieren |
| Alternativtexte | Alt-Eintrag für Figure, Formeln und andere Nicht-Text-Inhalte | Abbildungen ohne Alternativtext |
| Tabellen | Table, TR, TH, TD; Zuordnung von Kopfzellen über Scope oder Headers | Tabellen ohne Kopfzellen oder als Fließtext getaggt |
| Annotationen | Links und Formularfelder sind über Link- bzw. Form-Elemente in die Struktur eingebunden; Seiten mit Annotationen verwenden /Tabs /S | Link-Annotationen ohne Strukturelement oder Beschreibung |
| PDF/UA-Kennung | Eintrag pdfuaid:part im XMP-Metadatenstrom | Fehlende Kennung, obwohl die Datei sonst konform wäre |
Die letzte Zeile wird oft missverstanden. Mit pdfuaid:part erklärt der Ersteller, dass die Datei der Norm entsprechen soll. Beweisen kann der Eintrag nichts; ob das Dokument konform ist, zeigt erst die Prüfung.
Das Matterhorn-Protokoll
Für eine einheitliche Prüfung von PDF/UA-1 hat die PDF Association das Matterhorn-Protokoll herausgegeben, aktuell in Version 1.1 von 2021. Es zerlegt die Norm in 31 Prüfpunkte (Checkpoints) mit zusammen 136 Fehlerbedingungen (Failure Conditions). Jede Fehlerbedingung beschreibt eine konkrete Verletzung der Norm, zum Beispiel „Abbildung ohne Alternativtext“ oder „Inhalt weder getaggt noch als Artefakt markiert“.
Ein Teil dieser Bedingungen ist maschinell prüfbar. Ob ein Titel gesetzt ist, ob alle Schriften eingebettet sind oder ob einem Figure-Tag der Alternativtext fehlt, kann Software eindeutig feststellen. Bei den übrigen braucht es Urteilsvermögen. Gibt die Überschriftenhierarchie den Inhalt richtig wieder? Ist ein Text, der wie eine Liste aussieht, auch als L getaggt? Beschreibt der Alternativtext das Bild sinnvoll? Das entscheidet ein Mensch.
Ein fehlerfreier automatischer Bericht heißt deshalb nur, dass die maschinell prüfbaren Bedingungen erfüllt sind. PDF/UA-Konformität ist damit noch nicht belegt.
PAC und veraPDF
PAC (PDF Accessibility Checker) stammt von der Schweizer Stiftung „Zugang für alle“ (Access for All), läuft unter Windows und ist kostenlos. Geprüft wird gegen PDF/UA-1 und das Matterhorn-Protokoll. Für die manuelle Prüfung nützlich sind Zusatzansichten wie die Vorschau des Strukturbaums.
veraPDF ist quelloffen und wurde ursprünglich als Validator für PDF/A entwickelt. Er prüft auch die maschinell prüfbaren PDF/UA-Regeln, in aktuellen Versionen neben PDF/UA-1 auch PDF/UA-2 und WTPDF. Für automatisierte Prüfungen in Dokumentenprozessen ist veraPDF gut geeignet.
Die Meldungen beider Werkzeuge sind nicht immer selbsterklärend. Die häufigsten erläutern wir unter Häufige PAC- und veraPDF-Fehler. Wenn Sie nur schnell sehen wollen, ob Tags, Titel, Sprache, Schriften und Links vorhanden sind, können Sie ein PDF auch im Browser mit dem PDF/UA-Check von EasyPDFUA untersuchen.
PDF/UA ist nicht PDF/A
PDF/A (ISO 19005) ist für die Langzeitarchivierung gedacht. Ein PDF/A-Dokument soll in Jahrzehnten noch genauso aussehen wie heute, deshalb sind Schriften eingebettet und externe Abhängigkeiten ausgeschlossen. Barrierefreiheit gehört nicht zu den Zielen. Nur die Stufen PDF/A-1a, PDF/A-2a und PDF/A-3a verlangen überhaupt eine Tag-Struktur, die Detailregeln von PDF/UA schreiben aber auch sie nicht vor.
Ausschließen tun sich die beiden Standards nicht. Ein Dokument kann PDF/A und PDF/UA gleichzeitig erfüllen und trägt dann beide Kennungen in den Metadaten. Für Behörden und Banken, die Dokumente archivieren und zugleich barrierefrei bereitstellen müssen, ist diese Kombination interessant.
Verhältnis zu WCAG und Gesetzen
PDF/UA regelt die technische Struktur. Farbkontraste, verständliche Linktexte oder die Qualität von Alternativtexten behandelt die Norm nicht oder nur am Rande. Maßgeblich sind dafür die WCAG, die über die europäische Norm EN 301 549 auch für PDF-Dokumente gelten. Wie beide ineinandergreifen, steht in unserem Vergleich PDF/UA und WCAG. Welche Erfolgskriterien für PDFs gelten, finden Sie unter WCAG 2.2 für PDF-Dokumente.
Der European Accessibility Act und die nationalen Gesetze nennen PDF/UA nicht ausdrücklich. Als technischer Weg, PDFs so aufzubauen, dass sie die Anforderungen der EN 301 549 erfüllen können, ist PDF/UA aber anerkannt.
Wo Sie ansetzen
Am wenigsten Aufwand macht PDF/UA, wenn die Struktur schon in der Quelldatei stimmt. Wer in Word oder InDesign mit Formatvorlagen für Überschriften, Listen und Tabellen arbeitet, Alternativtexte dort hinterlegt und mit aktivierter Tagging-Option exportiert, hat den größten Teil erledigt. Danach kommt die technische Prüfung mit PAC, veraPDF oder einem Online-Check und schließlich der manuelle Blick auf Lesereihenfolge, Überschriften, Tabellen und Alternativtexte. Dafür eignet sich unsere Checkliste für barrierefreie PDFs.
Bei Altbeständen ohne Quelldatei bleibt das nachträgliche Tagging. EasyPDFUA ergänzt dabei konservativ Basis-Tags, Titel, Sprache, Links und reparierbare Schrift-Zuordnungen. Überschriften, Listen, Tabellen und Abbildungen rekonstruiert das Werkzeug nicht automatisch. Diese Arbeit bleibt manuell.
Häufige Fragen
Ist PDF/UA gesetzlich vorgeschrieben?
Nicht ausdrücklich. Die EU-Richtlinien und nationale Gesetze wie BaFG und BFSG verlangen barrierefreie Inhalte. Gemessen wird in der Praxis an EN 301 549 und damit an den WCAG, und PDF/UA ist der anerkannte technische Weg, PDFs entsprechend aufzubauen.
Was ist der Unterschied zwischen PDF/UA-1 und PDF/UA-2?
PDF/UA-1 (ISO 14289-1:2014) basiert auf PDF 1.7 und hat die breiteste Werkzeugunterstützung. PDF/UA-2 (ISO 14289-2:2024) setzt PDF 2.0 voraus, nutzt dessen erweiterte Strukturelemente und erlaubt zum Beispiel MathML für Formeln.
Macht die PDF/UA-Kennung in den Metadaten ein Dokument konform?
Nein. Mit pdfuaid:part erklärt der Ersteller nur, dass die Datei der Norm entsprechen soll. Ob das stimmt, zeigt erst eine automatische und manuelle Prüfung.
Reicht ein fehlerfreier PAC-Bericht für PDF/UA?
Nein. PAC und veraPDF decken die maschinell prüfbaren Fehlerbedingungen des Matterhorn-Protokolls ab. Ob Alternativtexte sinnvoll sind, die Überschriftenhierarchie stimmt und die Lesereihenfolge passt, muss ein Mensch beurteilen.
Kann ein PDF gleichzeitig PDF/A und PDF/UA sein?
Ja. PDF/A dient der Archivierung, PDF/UA der Barrierefreiheit, und beide lassen sich in derselben Datei erfüllen. Das Dokument trägt dann beide Kennungen in den Metadaten.